Bahnfahren

Ich bin viel unterwegs, nach Berlin, nach Siegburg, nach Bad Hersfeld, nach Düsseldorf oder Frankfurt. Meistens mit der Bahn, immer mit Gepäck für mindestens drei Tage, meistens für eine Woche. Ich weiß, wo ich die Wagennummer finde, wo die Platznummern stehen, wo ich mein Gepäck lassen kann, ob ich besser vorne oder hinten einsteige. Immer ist es hektisch beim Einsteigen, immer wird gedrängelt, jeder sucht einen Platz. Das ist so.

Und dennoch kann jeder, wirklich jeder auf den Mitreisenden achten. Jeder kann ein Auge darauf haben, ob ein Senior nicht weiß, wie er den Koffer die hohen Stufen hochkriegen soll, ohne sich das Kreuz zu verrenken. Jedem muss es auffallen, dass da eine Mutter mit Kleinkind den Tränen nahe ist, weil sie ihren Platz nicht findet.

Schon am Bahnsteig fallen die hilflosen älteren Damen auf, deren Blicke von der Anzeigetafel zum Bahnsteig irren und die mit der blöden Ansage “Geänderte Zugreihenfolge” gar nichts anfangen können. Zum Kuckuck! Geht doch einfach mal hin und fragt, in welchen Waggon sie denn einsteigen müssen.

Seht ihr nicht den Senior, der zwei kleine Koffer trägt und seine gebrechliche Frau dabei hat, die an Krücken geht? Könnt Ihr Euch eigentlich nicht vorstellen, dass der Mann vor Angst vergeht, er könne Frau oder Koffer oder sich selber auf dem Bahnsteig zurücklassen, während der Zug abfährt? Wer nicht gerade selber einen großen Koffer schleppt (wie die meisten uns uns!), kann doch bitte einfach mal stehenbleiben, Hilfe anbieten, den armen Mann nicht auch noch drängeln!

Fällt Euch nicht auf, dass da jemand die Bonsai-Platznummern in zwei Metern Höhe und in zwei Meter Abstand vom Gang nicht sieht? Oder nicht lesen kann? Einfach mal fragen, nach welcher Platznummer da so verzweifelt gesucht wird? Geht nicht?

Könnt Ihr einfach mal zulangen, statt zu grinsen, wenn da jemand verzweifelt versucht, seine Sitzlehne zurückzustellen?

Nein, ich bin kein Samariter und kein Pfadfinder. Ja, ich reagiere auch genervt, wenn jemand zu faul ist, selber zu gucken und dafür lieber andere fragt. Immer freundlich – schaffe ich nicht.

Aber ich habe Eltern, die beide 85 sind. Nie sollen sie in die Situation kommen, wie die zwei Senioren, die heute in München mit Ziel Hamburg zugestiegen sind. Zwei kleine Koffer, die Frau mit zwei Stöcken. An den Senioren haben sich Dutzende Leute vorbeigedrängelt, sie wurden geschubst beim Einsteigen. Der Mann wusste nicht, wohin zuerst gucken: die Frau, die Koffer, er selber. Wo ist der richtige Waggon, wo die zwei reservierten Plätze? So viele Menschen waren so nahe dran und keiner hat schnell zugegriffen. Die zwei waren so dankbar, dass endlich jemand hilft, leitet, erklärt, die Plätze sucht.

Also bitte: hingucken, fragen, helfen. Zwei Minuten.

3 Kommentare

  1. Stimmt, ich muss gestehen, dass ich selbst beim Einsteigen (auch aus Zeitdruck) als Erstes und hauptsächlich an mich denke. Werde in Zukunft mehr auf ältere Menschen achten (was ich im Alltag zwar tue, aber in Stresssituationen wie diesen …).
    Was jedoch grundsätzlich (wieder) jeder mehr beherzigen könnte / sollte: ERST aussteigen lassen, DANN erst einsteigen!
    Und wenn alle Leute aus einem Zug strömen, sollten sie trotzdem nicht die komplette Breite der Treppen in eine Richtung mit Beschlag belegen, es gibt immer auch Leute, die in die andere Richtung möchten!

  2. Hallo Pia,

    Sehr schoener Beitrag. Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Ich bin auch kein Samariter, aber jedes Jahr hunderte Stunden in der Bahn haben mich auch hilfsbereiter gemacht.

    Gruss Marc

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