PowerPoint und Visualisieren

Ich habe versucht, einigen Dingen auf die Schliche zu kommen:

  1. Woher kommt der Spruch, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte?
    Und ist das bewiesen … getestet, gecheckt?
  2. Wie ist das mit den Sinneskanälen?
    Lernen wir wirklich 70 Prozent durch Sehen und Sprechen? Kann man das einfach so addieren?
Im folgenden habe ich zusammengetragen, was ich im Laufe der Zeit herausgefunden habe.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

… tut es das? Ein viel zitierter Satz, der nicht an Wahrheitsgehalt gewinnt, weil er ständig wiederholt wird. Allein schon die Quelle des Zitats zu finden, erweist sich als unmöglich. Ist es nun ein chinesisches Sprichwort, direkt von Konfuzius? Oder hat der Werbefachmann Fred Barnard den Spruch 1921 geprägt?

Wer auch immer der Urheber sein mag, stimmt der Satz?

So pauschal nicht. Nicht jedes Bild ist in der Lage, einen komplizierten Sachverhalt zu erhellen und nicht für jeden Lernenden ist ein Bild eine Verständnishilfe. Darüber hinaus bedeutet “Visualisierung” nicht einfach das Herzeigen von Bildern.

“Visualisieren” muss letztendlich ein Bild im Kopf des Zuhörenden oder Lernenden erzeugen. Viele Hilfsmittel dienen dazu:

  • Sie können einen Sachverhalt in eine Geschichte packen und so ein inneres Bild der Vorstellung durch den Zuhörer in Gang setzen. Erzählen Sie, wie Sie das Thema entdeckt haben oder picken Sie ein Detail heraus, das interessante Auswirkungen hat.
  • Sie können einen Vorgang vorspielen (ob Sie es glauben oder nicht: selbst Excel-Themen kann man vorturnen…),
  • Sie können ein sprachliches Bild verwenden, eine Allegorie, einen Vergleich heranziehen.
  • oder einfach nur eine starke, aussagekräftige Gestik einsetzen.
  • Natürlich können Sie auch ein fertiges Bild wie eine Fotografie zeigen. Das fordert am wenigsten Aktivität von den Zuschauern.

Das Verständnis für eine Bild oder eine Grafik ist abhängig vom Vorwissen des Zuschauers. Ein typisches Beispiel ist eine chemische Strukturformel – sie sagt dem chemisch Vorgebildeten alles, dem Laien nichts.

vitamincLinks sehen Sie so eine Strukturformel. Sie kennen die Substanz.

Wenn Sie aber weder Apotheker noch Mediziner oder Chemiker sind, werden Sie anhand dieser Darstellung niemals ermitteln, dass es sich um Vitamin C handelt!

 
Einige Bildarten muss man auch erst lesen lernen. Ablaufdiagramme erschließen sich dem Unkundigen nicht beim ersten Mal. Ihre Logik und Struktur muss man erst lernen, bevor man ein konkretes Ablaufschema verstehen kann. Genauso geht es mit einer technischen Skizze oder einer geologischen Karte – wer nicht gelernt hat, diese Darstellung zu interpretieren, kann damit gar nichts anfangen.

Bei vielen sehr komplizierten Sachverhalten ist eine Abbildung hilfreich, nachdem man den Vorgang verstanden hat. Das Bild hilft beim Strukturieren des Gelernten und später beim Erinnern.

photosynthTypisch ist das Bild des Zitronensäurezyklus oder der Photosynthese. Eine Abbildung hilft nichts, wenn Sie die chemischen Vorgänge nicht bereits begriffen haben. Ist man aber in der Chemie sattelfest und hat den Sachverhalt verstanden,hilft die Grafik dabei, einen hochkomplexen Sachverhalt zu memorieren und zu erläutern.

 
Letztendlich läuft es immer darauf hinaus, dass ein Bild im Kopf des Zuhörers entsteht. Und daran wirkt das Bild an der Wand nicht immer mit. Legen also nicht so viel Gewicht auf die Bebilderung in Form von fertigen Grafiken und visuellen Elementen.

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  • Entwickeln Sie auch bildhafte Elemente in Ihrer Sprache, Ihrer Vortragstechnik, Ihrer Mimik und Gestik und Ihren Beispielen. Seien Sie insgesamt anschaulich.
  • Seien Sie immer vorsichtig mit fertigen Bildern – Sie überfordern damit Ihre Zuschauer.
    Entwickeln Sie die Grafik, zeichnen Sie sie vor den Augen Ihrer Zuschauer – ja, das müssen Sie üben. Kaufen Sie sich eine Flipchart, malen Sie!
  • Bei detailreichen Darstellungen ist der Vorgang des Konstruierens wichtig – ein Bild dieser Art sollte entstehen.
    Das fertige Diagramm ersetzt nur das Zeichensystem “Wort” durch das Symbolsystem “Bild”.

Fehlt das Verständnis für den Vorgang an sich, bleiben beide Systeme unverständlich. Das ist besonders wichtig, bei Schemazeichnungen, Abläufen, Organigrammen und ähnlichen Zeichnungen.
 

Transferleistung

Natürlich ist der Erwachsene mit dem Umgang von Symbolen vertraut, die für etwas anderes stehen – er macht aber bei der Transferleistung Fehler, wenn er den innewohnenden Mechanismus eines Vorganges noch nicht begriffen hat.

Jede Art von Grafik verwendet eine spezifische Symbolik, die erlernt werden muss. Machen Sie sprachlich deutlich, wie die Grafik zu lesen ist. Ein Beispiel sind Kreislaufdiagramme oder Ablaufschemata – nicht für jeden ist die Abfolge von Pfeilen in einem Kreislaufdiagramm klar zu lesen als “auf dieses Stadium folgt jenes Stadium”.

  • Formulieren Sie Kreisläufe ganz klar als solche; heben Sie sprachlich hervor, dass auf den letzten Schritt wieder der erste folgt. Beispiele sind die Kreisläufe der Armut und der Entwicklungszyklus eines Parasiten.
  • Doppelpfeile werden nicht von jedem Zuschauer als Wechselwirkung gelesen – sagen Sie es!

Berücksichtigen Sie dieses Problem, wenn Sie auf einer Folie Symbole verwenden – zuerst muss der Vorgang oder der Gegenstand erklärt worden sein, dann kann ein Symbol das Behalten erleichtern..
 

Definition von Bildern

Was ist ein Bild?

Diese Frage wird selten gestellt, wenn über Visualisierung gesprochen wird. Wovon reden wir da? Von Fotos, Skizzen, Pfeilen? Oder von den Bildern, die im Kopf entstehen?

Noch verwaschener wird es, wenn die Forderung aufgestellt wird, man solle verschiedene Sinneskanäle ansprechen (siehe dazu unten “Quellen”): Hören und Sehen zum Beispiel. Zählt Lesen zum Sehen? Eigentlich schon, aber ist Lesen nicht die gleiche Textverarbeitung im Gehirn wie Hören?

  • Bilder sind natürlich zuerst einmal Fotos, Zeichnungen, Skizzen, Gemälde. Aber auch ein Symbol und ein Pictogramm zählen zu den Bildern, ebenso Pfeile, Verbindungslinien oder bestimme Umrahmungsformen wie Rauten oder Kreise.
  • Und darüber hinaus gibt es sprachliche Bilder. Wenn der Nebel sich wie ein Schleier über das Land legt und die Sonne Gold über die Felder gießt, wenn das Lied der Nachtigall perlend in der samtschwarzen Nacht erklingt dann sind das Sprachbilder.
  • Mimik und Gestik eines ausdruckstarken Vortragenden sind szenische Bilder, durch Pantomime kann ein Sachverhalt verdeutlicht werden. Sie nehmen ständig solche bildhaften Signale im Verhalten eines Menschen wahr: die noch vorne gekehrte Handfläche erkennen Sie deutlich als “Stopp”-Symbol. Daumen hoch? OK, klar!
  • Auch innerhalb Ihres Kopfes entstehen beim Lesen und Zuhören ständig Bilder. Alltagssprachlich nennen wir das unser geistiges oder inneres Auge, der Wissenschaftler spricht von mentalen Bildern. Vor Ihrem inneren Auge bildet sich auch zu einem abstrakten Lernthema ein konkretes Bild ab.

Es gibt Menschen, die sich eine Melodie “vorstellen” können. Andere “sehen” eine mathematische Formel. Auch ohne eine besondere Begabung verfügen Sie über mentale Bilder. Sie stellen sich vor, wie das Elektron um den Atomkern saust, auch wenn Sie es noch nie gesehen haben. Welches Bild haben Sie vom elektrischen Strom? Sehen Sie, wie der Strom durch den Lichtschalter freigelassen wird und jetzt durch die Leitungen drängt?

Ob das Bild realistisch ist und den Gegebenheiten entspricht, ist dabei anfangs gleichgültig. Das innere Bild hilft uns beim Verstehen, beim Behalten und beim Lernen neuer Themen. Im Laufe des Lernens wird es dann wichtig, das Anfangsbild durch den korrekten Vorgang zu ersetzen.

Es gibt also innere Bilder und solche, die von außen an uns herangetragenen werden. Der Lernprozess muss schlussendlich immer ein inneres Bild erzeugen. Alles, was der Lehrer präsentiert, muss in ein inneres Bild verwandelt werden – auch ein gezeigtes Bild muss erst in ein inneres Bild verwandelt werden. Dabei prägt sich ein vom Lernenden spontan selber vorgestelltes inneres Bild tiefer ein, als ein von außen herangetragenes. Es ist darum nicht sehr hilfreich, auch zu einfachen Thema gleich ein fertiges Abbild zu präsentieren – die Bildung innerer Bilder kann damit gestört werden. Lernen wird schwerer.

Der Lehrende muss darauf achten, dass sein Vortrag das Entstehen innerer Bilder unterstützt. Dazu ist jedes Mittel recht, das eine Imagination erleichtert: Stimme, Gestik, Mimik, Sprachbilder, Zeichnungen, Skizzen, Fotos, Filme …
 

Einteilung von Grafiken

Bei den von außen herangetragenen Bildern kann man am besten unterschieden, zu welchem Sinn und Zweck sie eingesetzt werden. Ein Bild kann sein

  • Organisierend und strukturierend
    Als wichtigstes graphisches Element sind die REFA-Formen, Pfeile oder standardisierte Symbole für Ablaufschemata zu nennen. Sie helfen dem Fachkundigen, sich schnell einen Überblick zu verschaffen.
  • Hervorhebend und lenkend
    Karikaturen und Skizzen gehören hier her. Sie beschränken sich auf das Wesentliche, lassen Unwichtiges beiseite. Sie können helfen, einen komplizierten Sachverhalt zuerst einmal in überschaubare Dimensionen zu bringen.
  • Hinweisend, erinnernd oder auch anstoßend
    Hier haben Cartoons und Comics, Piktogramme, Symbole, Pfeile und Formen ihren Einsatzbereich. Die Verwendung muss aber sorgsam abgestimmt werden, damit nicht eine pure Dekoration daraus wird.
  • Konkretisierend, Beispiel gebend oder übertragend
    Das könnte jeder Bildtyp leisten: ein Comic genauso wie ein Foto. Zum Beispiel steht eine Krone für König und übertragen für “König Kunde”. Die Nähe zur reinen Dekoration ist aber auch oft gefährlich.
  • Stimmungen hervorrufend oder Neugierde weckend
    Stimmungsbildende Bilder können im Lernprozess einen wichtigen Effekt haben. Bilder, die auf den ersten Blick nichts mit dem zu lernenden Gegenstand zu tun haben oder ihn in einem überraschenden Licht zeigen, können Neugierde wecken.
    Sie können aber genauso gut vom Gegenstand ablenken und deswegen in einer Lernsituation denkbar ungeeignet sein. Solange kein Bezug zum Lerngegenstand hergestellt werden kann, sind diese Bilder aus dem Unterricht zu verbannen.
    Ihr Einsatzgebiet liegt wieder in unterhaltenden oder werbenden Veranstaltungen.
  • Dekorierend und schmückend
    Schmückende Bilder haben im Lernvorgang nichts zu suchen, sie lenken ab und verwirren. In einem unterhaltenden oder werbenden Vortrag können sie allerdings durchaus angewandt werden.
    Dekorierende Bilder tragen keine Sachinformationen, ihr einziger Zweck ist die schöne und ansprechende Gestaltung. Viele Fotos haben eine ausschließlich dekorierende Wirkung. Der Zuschauer zieht keinen Nutzen aus ihrer Betrachtung.
    Zu den dekorativen Bildern zählen auch Schmuckgrafiken und Comicfiguren. Viele Motive der allseits beliebten schwarzen Strichmännchen müssen zu den dekorativen Bildern gerechnet werden.

Relevanz von Bildinformationen

Bei Bildern mit vielen Informationen müssen Sie die Elemente deutlich in “gehört dazu” und “ist nur zufällig auf dem Bild” unterteilt werden, die Aufmerksamkeit muss gezielt auf die relevante Information gelenkt werden. Welche Informationen aus einem Bild gezogen werden, ist für den Zuschauer nicht überschaubar.
In einer Kurzinformation für Betriebsgründer wurden die Vorteile einer Vernetzung von PCs dargestellt, als Bild wurden mehrere Büroräume mit vernetzten Rechnern und einem Server gezeigt. Fazit eines Teilnehmers: das komme für seine Firma leider nicht in Betracht, weil sich die Arbeitsplätze nicht in verschiedenen Räumen, sondern alle in einem großen Raum befinden. Der Fokus des Teilnehmers war ausschließlich auf die Tatsache “mehrere Büroräume” gerichtet.

Quellen

Paul Klimsa
Informationen und Lernen mit Multimedia
“In vielen Studien findet man genaue Prozentangaben über die “Leistung” der einzelnen Sinne. Unter anderen hat Treichler (1967) bereits in den 60er-Jahren darauf hingewiesen, dass das Lernen des Menschen sich prozentual über folgende Sinneskanäle vollzieht: 1 Prozent durch den Geschmackssinn, 1,5 Prozent durch den Tastsinn, 3,5 Prozent durch den Geruchssinn, 11 Prozent durch das Hören und 83 Prozent durch das Sehen. Dabei können die Menschen 10 Prozent durch Lesen, 20 Prozent durch Hören, 30 Prozent durch Sehen, 50 Prozent durch Sehen und Hören, 70 Prozent durch Sehen und Sprechen und 90 Prozent durch Sehen und selbst Tun behalten.
In diesem wie auch in vielen ähnlichen Berichten fehlt jedoch stets die Angabe der Studie selbst, auf die sich die Zahlen beziehen. Auch umfangreiche Nachforschungen konnten bislang keine zuverlässige Quelle dieser Prozentangaben ausmachen. Sogar dann, wenn wir annehmen, dass die Prozentangaben richtig sind, bleiben Zweifel an der Allgemeingültigkeit der Zahlen und an dem zugrunde liegenden Bild des Menschen als einer quantifizierbaren “informationsverarbeitenden Maschine” bestehen.”
Klimsa, Paul. Information und Lernen mit Multimedia , 1995.

Bernd Weidenmann,
Wissenserwerb mit Bildern
“Diese Darstellung ist die wohl populärste in der gesamten Medien- und Instruktionspsychologie. Eine wissenschaftliche Quelle wird man allerdings vergeblich suchen. Begrifflich geraten [.] Sinnesmodalität und Codierung durcheinander. Sehen und Hören sind moifische Aktivitäten, Lesen und Nacherzählen codespezifische Tätigkeiten (verbales Symbolsystem).”
“Im Wesentlichen basiert die Grafik auf einer naiven Summierungstheorie (Ballstaedt, 1990) der Beteiligung von Sinneskanälen (Hören 20%, Sehen 30%, Hören und Sehen 20%+30%=50%). Gleichzeitig lässt sich eine historisch weiter zurückreichende einfache Realismustheorie erkennen, die pädagogische Annahme von der Höherwertigkeit des realen Gegenstandes gegenüber seiner symbolischen Darstellung.”
“Die in der Bildungspraxis beliebte, vor allem von Vester (1984) verbreitete und neuerdings durch das sog. Neurolinguistische Programmieren wieder aufgegriffene Typisierung von Lernern nach bevorzugten Modalitäten lässt sich in der postulierten Deutlichkeit und Konsistenz weder empirisch noch theoretisch untermauern. [.] Typisierungen wie “Verbalisierer” und ” Visualisierer” leiden auch daran, dass nicht klar ausgewiesen wird, ob es sich um Vorlieben hinsichtlich des Informationsangebotes handelt ( z.B. Text oder Bilder ) oder um Präferenzen hinsichtlich der mentalen Formate und Prozesse ( sprachnahes oder eher bildhaftes Denken).”
Weidenmann, Bernd. Information und Lernen mit Multimedia. , 1995.

Manfred Spitzer,
Vorsicht – Bildschirm!
“[Im Gehirn] prägt sich besonders gut ein, was über mehrere Sinne hineingelangt (vgl. Lewkowicz & Kraebel 2004). Wird etwas gesehen und zugleich gehört, bemerken wir es schneller und reagieren darauf rascher und genauer; auch lernen wir dasjenige besser, was über mehrere Inputmodalitäten in uns gelangt, denn es bleibt eher im Gedächtnis hängen, weil mehr und tiefere Spuren angelegt werden.”
Spitzer, Manfred. Vorsicht Bildschirm. , 2005.

Dazu passend auch ein aktueller Blog Denken frisch präsentiert von Dierk Haasis.

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