Off-Topic – Lernen auf Vorrat

Kann man das: auf Vorrat lernen? Im PC-Unterricht wird das oft erwartet und gefordert. Ein Mitarbeiter wird auf ein PowerPoint-Seminar oder in einen Excel-Kurs geschickt, obwohl er dieses Programm im Moment nicht verwendet. In einem Jahr erwartet der Chef, dass der Mitarbeiter dieses Wissen präsent hat … er oder sie waren ja auf einem Kurs. Was hier erwartet wird, ist ein Lernen für die Zukunft, also “auf Vorrat”. So wie man Gurken einlegt und Bohnen einkocht, damit man im Notfall was hat. Bei Gurken und Bohnen funktioniert das für eine gewisse Zeit, beim Lernen klappt das nicht. Im günstigsten Fall bleibt dem Anwender das diffuse Gefühl, etwas schon mal gehört zu haben. Ungefähr zehn Prozent des im Kurs gelernten bleibt als so ein “Da war doch mal was”-Eindruck erhalten (das ist ein ganz subjektiver Erfahrungswert von mir und grob geschätzt – ich wüsste nicht, dass es dazu irgendwelche Untersuchungen gibt). Die Haltbarkeit von Wissen ist sehr viel geringer als von eingelegten Gurken. Einen Tag nach einem Kurs sind Dreiviertel der Themen noch präsent – meistens aber nur als “Da war was”. Wird dieses neue Wissen sofort angewandt und eingeübt, wandelt sich diffuses Wissen in Können um. Wird es nicht angewandt, ist es nach einer Woche ohne Hilfe nicht mehr abrufbar. Nach vier Wochen sind neunzig Prozent komplett weg. Das Gefühl, etwas schon mal gehört zu haben, ist nicht zu unterschätzen, es hilft durchaus beim Suchen nach einer Lösung – aber es hat nichts zu tun mit Können. Zur geringen Haltbarkeit von Wissen kommt noch, dass ein Anwender nur sehr schlecht etwas lernt, für das er keine Anwendung hat. Die Frage “Was mache ich damit” steht ständig im Raum und blockiert die Aufnahmefähigkeit. Wer nicht weiß, was er mit diesem Wissen anfangen soll, weiß auch nicht, was wichtig ist und was er sich merken sollte. Beide Effekte sind gut zu beobachten, wenn Infoveranstaltungen und Seminare zu früh vor der Einführung eines Programmes durchgeführt werden. Zum einen verliert sich das Wissen sehr schnell, wenn es nicht angewandt werden kann. Zum anderen haben sich Anwender oft Nebensächlichkeiten gemerkt und auf Wichtiges nicht achtgegeben – weil sie sich überhaupt nicht vorstellen konnten, was sie später mal brauchen werden. Dazu eine kleine Anekdote aus meiner Anfangszeit als Trainerin. Ein Windows-3.1-Kurs bei der Elektroinnung mit vollkommenen PC-Neulingen. Ich habe zur besseren Sichtbarkeit einen Dialog an den oberen Rand geschoben, damit auch die hinteren Reihen das Fensterchen besser sehen können. Von diesem Zeitpunkt hat der halbe Kurs jeden Dialog vor dem Bestätigen erst an den oberen Bildschirmrand geschoben … Ich habe daraus gelernt, dass der Neuling nicht erkennt, was wichtig ist und was eine Nebenhandlung ist. Für den Anwender stellt sich so ein Vorrats-Kurs wie ein riesiger Supermarkt dar – und er hat kein Rezept für die eingelegten Gurken. Was soll er einpacken? An Essig wird er denken, aber braucht er später Petersilie oder Dill, Wacholderbeeren oder Zimt?

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